Leadership rocks – Führung in polarisierten Zeiten

Rückblick: Gespräch mit Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt

 

Welche Führungsfragen beschäftigen uns wirklich, wenn die Zeit rauer wird? Wenn Haltung nicht mehr im Leitbild steht, sondern täglich unter Beweis gestellt werden muss? Mit dieser Überzeugung hat der Marketing Club Frankfurt das Format Leadership rocks ins Leben gerufen: Gespräche mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die auf ihre je eigene Weise zeigen, was Führung heute bedeutet – und was sie verlangt.

Am 20. April 2026 war Prof. Dr. Mirjam Wenzel zu Gast. Die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt – des ältesten jüdischen Museums in Deutschland – war zuletzt beim Goldenen Brandeisen 2026 als Persönlichkeit des Jahres nominiert. Ein Gespräch, das unter die Haut gegangen ist.

 

Ein Museum als Seismograf

Das Jüdische Museum Frankfurt ist keine Kulturinstitution im klassischen Sinne. Es ist ein sozialer Ort, der die Verwerfungen unserer Gegenwart nicht nur beobachtet, sondern unmittelbar zu spüren bekommt. 54 antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr, 34 Anzeigen, Hakenkreuze in der Ausstellung, Steinwürfe auf das Gebäude – und gleichzeitig ein Besucherrekord von knapp 100.000 Besucherinnen und Besuchern, plus 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wenzel beschreibt jüdische Gegenwart als Seismograf für die Zivilität und Humanität einer Gesellschaft. Was das Museum trifft, spiegelt den Zustand unserer Demokratie. Dieser Gedanke ist unbequem. Und er ist präzise.

 

Führung unter Dauerdruck – was das für Business und Marketing bedeutet

Was Mirjam Wenzel in diesem Gespräch vermittelt hat, geht weit über Museumsarbeit hinaus. Es sind Impulse, die für jede Organisation relevant sind, die in polarisierten Zeiten mit Haltung kommunizieren will:

 

  • Glaubwürdigkeit vor Reichweite. Für Wenzel ist Glaubwürdigkeit die einzige stabile Währung einer Führungspersönlichkeit. Sie entsteht nicht durch Kampagnen, sondern durch Konsistenz – zwischen dem, was eine Führungskraft sagt, und dem, was sie vorlebt. Jeden Tag. Nicht nur, wenn es einfach ist.

 

  • Fürsorge ist keine Führungskür. Ihr Team trägt einen erhöhten gesellschaftlichen Einsatz. Darauf antwortet Wenzel mit internen Fortbildungen zur Sprechfähigkeit, einem klaren Verhaltenskodex und konsequentem Empowerment. Mitarbeitende sollen sich ermächtigt fühlen, selbstbewusst zu agieren – nicht weil es angeordnet wird, sondern weil Raum dafür geschaffen wird.

 

  • Risiko als Markenprinzip. Das Marketinggeheimnis des Jüdischen Museums ist denkbar klar: nicht das Erwartbare liefern. Besucherpersonas wurden mit Design-Thinking-Methoden entwickelt, Kanäle kanalspezifisch bespielt – von Facebook bis TikTok. Letzteres nicht wegen der Reichweite, sondern weil jüdische Themen dort in einer Weise besprochen werden, die das Museum nicht akzeptiert. Kommunikation als Gegennarrative ist ein Markenverständnis, das weit über den Kulturbereich hinausweist.

 

  • Angst ist kein strategischer Ratgeber. Wenzel schildert, wie Unternehmen trotz einer außergewöhnlichen Ausstellungskooperation Abstand gehalten haben – aus Angst vor Assoziationen. Ihre Einschätzung ist klar: Wer in dem Moment, in dem gesellschaftliche Haltung gefragt ist, aus Angst zurückweicht, verliert genau dann seine Relevanz, wenn sie am meisten zählen würde.

 

Brücken bauen – das ist der Anspruch von Leadership rocks

Der Marketing Club Frankfurt versteht sich als Netzwerk für Entscheiderinnen und Entscheider in Marketing, Vertrieb und Kommunikation. Leadership rocks ist der konsequente Ausdruck dieses Selbstverständnisses: Impulse aus anderen Systemen – Kultur, Politik, Zivilgesellschaft, Sport – die neue Blickwinkel auf die eigene Führungs- und Kommunikationsarbeit eröffnen. Nicht als Inspiration am Rande, sondern als substanzieller Transfer.

Denn die Fragen, die Mirjam Wenzel täglich beantwortet – Wie bleibe ich glaubwürdig unter Druck? Wie schütze ich mein Team und stärke es gleichzeitig? Wie kommuniziere ich in einem Umfeld, das ich nicht vollständig kontrollieren kann? – sind keine Museumsfragen. Sie sind Führungsfragen. Und sie stellen sich in jedem Unternehmen.

 

Haltung, die etwas kostet – und etwas bewirkt

Alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bei Leadership rocks erhalten kein Honorar. Der Marketing Club Frankfurt spendet stattdessen 500 Euro an eine wohltätige Organisation nach Wahl des Gastes. Prof. Dr. Mirjam Wenzel hat sich für den Förderverein des Jüdischen Museums Frankfurt entschieden – eine Einrichtung, die das Museum und seine Arbeit für eine offene, demokratische Stadtgesellschaft langfristig trägt.

 

Das nächste Gespräch

Leadership rocks wird fortgesetzt. Am 24. August 2026 ist Florian Hager zu Gast – Intendant des Hessischen Rundfunks und aktueller Vorsitzender der ARD. Ein Gespräch über Führung, öffentliche Verantwortung und die Zukunft des Journalismus in einer Zeit, in der Vertrauen in Medien und Institutionen neu verhandelt wird.

 

Wir freuen uns auf Euch!.

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